Wozu das iPad gut ist und warum es “den” Computer (noch) nicht ersetzt. (“Antwort” auf bzw. Gedankengänge geliehen vom Artikel “iFad – Apple hat den Computer neu erfunden. Das iPad degradiert den User zum passiven Konsumenten”, erschienen im Falter 14/10 (7. April 2010), auf Seite 19 – von Ingrid Brodnig.)
Ich würde ja gerne auf den Originaltext verweisen, aber dank nichtexistentem Online-Archiv des Falters (vom Lokalführer oä und sog. “Top-Stories” einmal abgesehen) ist dies nicht möglich, daher kopiere ich aus der Papierausgabe – willkommen im Jahr 2010, Falter?!
“…revolutionär ist das Gerät nicht, weil es etliche neue Tricks beherrscht – im Gegenteil: Das iPad kann vieles absichtlich nicht. Es eignet sich nicht zum Verfassen langer Texte, man kann damit nicht mehrere Anwendungen parallel laufen lassen oder selbst zum Programmierer werden. Vielmehr verändert es den Computer von einem kreativen Werkzeug hin zu einem Multimedia-Tool…”
Hat die Autorin, Ingrid Brodnig, jemals ein iPad in der Hand gehabt, versucht damit lange Texte zu verfassen?
Hat sie jemals iWork, die Apple-eigene MS-Office-kompatible Office-Lösung am iPad verwendet, weiß sie überhaupt von dieser und den vielen anderen verfügbaren Lösungen?
Am iPad, genauso wie am iPhone, kann man gleichzeitig Musik hören und in einer anderen App arbeiten. Dass dies für Drittanbieter-Apps (noch) nicht möglich ist, ist Software-, Betriebssystem-Sache, also Geräte-, iPad-unabhängig. Entwickler, die den Kunden ein (intelligenteres!) Multitasking-Gefühl geben wollen, lösen das mittels sog. Live-Push-Benachrichtigungen – zB E-Mail-Empfang oder Instant Messaging in Echtzeit – während Musik läuft und eine andere App geöffnet ist!
Fr. Brodnig dürfte weiters die Tatsache entgangen sein, dass das iPad (so, in seiner ersten Form) den klassischen “Computer, den man hat” nicht ersetzen soll und daher logischerweise keine Entwicklungsumgebung integriert. Oder kann man mit einer Nintendo-Spielkonsole Nintento-Spiele entwickeln? Kann man mit einem Windows Mobile-Handy Handy-Applikationen entwickeln? Kann man mit seinem Amazon eBook-Reader Bücher veröffentlichen? (Ironischerweise kann(!) man auf dem iPad theoretisch Bücher schreiben)
“…im ‘App Store’ können die Benutzer gratis oder gegen Geld Applikationen herunterladen, die ‘Apps’. Von der digitalen Ausgabe der New York Times über ein digitales Bücherregal mit eBooks bis hin zum Computerspiel reicht die Auswahl. Noch nie war es so bequem, Multimedia-Inhalte am Computer zu konsumieren, heißt es in ersten Tests. Dieser Komfort hat allerdings seinen Preis: die Wahlfreiheit. Der kalifornische Weltkonzern bestimmt, welche Apps am iPad installiert werden können. Auch den Preis gestaltet Apple mit. Wenn eine Anwendung der Firma nicht genehm ist, fliegt sie raus. Das passierte zB dem stern-Magazin, als es in seiner iPhone-Ausgabe eine Erotikgallerie zeigte. Apple sperrte die gesamte Applikation für einige Wochen. Dann einigten sich stern und der Konzern darauf, dass in der mobilen Magazinversion die Brüste von entblößten Mädchen verpixelt und somit unkenntlich gemacht werden. Nackte Haut ist den Amis zuwider, daran müssen sich auch europäische Printprodukte halten, wenn sie im AppStore Geld machen wollen.”
iPod Touch, iPhone und iPad haben WLAN integriert. Darum können die Geräte natürlich drahtlose Netzwerke in der Umgebung anzeigen und der User kann sich mit ihnen verbinden. Ich halte es daher nur für gut, App Store Kunden vor Idiotenfang ala “WLAN Scanner – € 1,99″ zu schützen und Apps dieser Art zu verbieten. Weiters frage ich mich, ob man zB das Stern Magazin wegen möglicher Nacktbilder kauft? Wahrscheinlich wären jene, die sich jetzt aufregen, die Ersten, die sich, gäbe es tatsächlich expliziten Inhalt im App Store, genau DArüber brüskierten – man beachte zB die steigende Beliebtheit von iPod Touch unter Kindern.
Außerdem bestimmt Apple den Preis der (Nicht-Apple-)Apps NICHT – dies tut der Entwickler, so wie es auch auf jeder anderen Plattform der Fall ist.
“Die Einschränkungen gehen sogar so weit, dass sich iPhone und iPad-Besitzer nicht grenzenlos im Web bewegen können. Apple erlaubt nicht das Flash-Plugin der Softwarefirma Adobe. Dabei laufen die meisten Onlinevideos, viele Webgames und Webseiten nur damit. Wer ohne Flash die Nachrichtenseite Spiegel.de besucht, kann sich nicht die Videoclips ansehen, wer die Homepage des Cafe Prückel besucht, stößt nur auf eine Fehlermeldung.”
Und weil viele Webseiten ‘damit’ (mit Flash) laufen, müssen sie das für immer tun? Das Cafe Prückel sollte zumindest eine Alternativ-ohne-Flash-Version der Seite parat haben, wie es andere Webseitenbetreiber auch schaffen, denn das iPad(genauer gesagt der Browser) ist nicht das einzige Gerät, das auf Flash komplett pfeifft, aus guten Gründen(Performance, Battery, Security) – Hallo, Windows Mobile 7 und Co.
Video-Content-Anbieter steigen suxessive auf den HTML 5-Standard um, die Branche, die Technologien verändern sich nunmal und das finde ich nicht gerade schlecht.
“Alle spielen mit, auch die Medienhäuser entwickeln eifrig iPad-Applikationen. Sie hoffen, dass der Konsument durch den handlichen Minicomputer endlich seinen rechtmäßigen Platz einnimmt: als zahlender Kunde. Über das iPad soll er wieder lernen, Geld für Nachrichten auszugeben.”
Wenn mich nicht alles täuscht ist es ja der Falter, der eben(!) kein Online-Archiv aller Artikel zur Verfügung stellt – ist die Ursache dafür Rückständigkeit oder eben genau diese Einstellung, dass man als Kunde natürlich Geld für Nachrichten ausgeben muss? Außerdem, auch wenn zB derStandard eine iPad-App bringen würde, hieße das nicht, dass der Online-Content, abrufbar über jeden Browser, so auch mobile Safari, zwingend gesperrt würde! (Und wenn, dann stünden dem derStandard-Kunden immer noch mehr Möglichkeiten offen als den Lesern des Falters)
“Das iPad ist vor allem eine Geldmaschine. Zuerst wird der Konsument mit viel Werbung, großspurigen Ansagen, hübschem Design und den vielen Gratisapplikationen gelockt. Hat er einmal das Ding in der Hand, wird er ständig zum Kauf motiviert: Tolle neue Bezahlprogramme werden vorgestellt, mit ein paar Klicks können sich amerikanische User mobiles Internet kaufen. Das kostet 30 Dollar pro Monat.”
Mit Computern und Software funktioniert das folgendermaßen: Hardware-Hersteller bauen und verkaufen Hardware. Darum machen sie Werbung. Softwareentwickler ‘bauen’ und verkaufen Software. Darum machen auch sie Werbung.
Im Falle des App Stores ist es nunmal so, dass Vertriebs- und Werbekanal Eines ist – ist das schlimm? Ist es der Weltuntergang, nicht hundert verschiedene Webseiten ansurfen zu müssen, um (nicht) das zu finden was man sucht, nicht von einem inkompetenten Verkäufer in einem großen Elektronikmarkt “beraten” werden zu müssen, wenn man ein bestimmtes Programm sucht, das einen gewissen Zweck erfüllen soll? Hat es nicht sein Gutes, als vielleicht kleiner, unabhängiger Entwickler Geld verdienen zu können ohne sich um das Drumherum-Marketing oder um kostenintensives Anbieten von Online-Zahlungsmethoden kümmern zu müssen? Oder als potentieller Kunde einer bestimmten App auf Bewertungen und Kommentare Dritter zählen zu können, alles an einem Platz, iTunes? Natürlich nimmt Apple einen Teil des App Store Umsatzes ein – wie sollte es denn SONST funktionieren? Schenkt denn der Falter oder andere Printmedien Werbeflächen her?
“Auch für Leistungen, die am iPhone noch kostenlos waren, verlangt Apple Geld: Gratis gibt es nur ein Softwareupdate. Wer zum Beispiel die Version 4.0 mitgeliefert bekommen hat, erhält das Update auf 5.0 noch gratis. Bei der Version 6.0 muss er dann zahlen. Wer eine Tastatur ans iPad anschließen will, findet dafür keinen USB-Anschluss, sondern muss 69 Dollar für einen speziellen Adapter hinblättern. Wer seine Fotos direkt auf das Gerät überspielen will, braucht das ‘iPad Camera Connection Kit’. Das kostet weitere 29 Dollar.”
Bezüglich kostenpflichtige Betriebssystem-Updates: Wundert sich irgendjemand, dass Windows 7 für bestehende zB Vista-Kunden etwas kostet? Mich nicht.
Was mich aber wundert: Fr. Brodnig weiß also schon von der Existenz eines iPhone OS in der Version 6(!) und(!) von der Preisgestaltung desselben. Da würde mich mal eine Quelle interessieren… man beachte, dass Version 4 gerade erst angekündigt wurde…
Was wünscht man sich denn noch für Anschlüsse bei einem Gerät dieser Maße? Womöglich noch einen DVI-Ausgang und einen integrierten VHS-Kassetten-Player? Der Universal Dock Anschluss ist relativ klein und bietet dank seiner intelligenten Bauart (Drittanbieter-)Zubehör aller Art – ich bin als Freund von modularer Technik froh, nicht für einen integrierten SD-Kartenleser bezahlen zu müssen, wenn ich als Kunde ihn garnicht brauchen kann oder er das mobile Design des Gerätes nur unnötig verunstalten würde?!
Die Apple Wireless Tastatur lässt sich am iPad verwenden – über Bluetooth. Was bringt denn eine USB-Tastatur, wenn das iPad nicht gleichzeitig in einem Quasi-Ständer steht? Natürlich kostet deshalb die Apple Docking Lösung Geld. Wer das nicht braucht, kann die Touch-Tastatur des iPads verwenden.
“Natürlich ist es nicht neu, dass Computerhersteller Profit machen wollen. Das iPad treibt dieses Konzept aber auf die Spitze. Bis vor kurzem wusste der Konsument gar nicht, dass er ein solches Gadget überhaupt braucht. Nun wird ein geschlossenes System beworben, in dem er nur mehr konsumieren kann, was ihm Apple anbietet oder zulässt. Eine Entmündigung der Bürger nennt das Jörg Kantel, Blogger und EDV-Leiter am Max-Planck-Institut, in der FAZ. Ausgerechnet eingefleischte Technikfreaks kritisieren also das Produkt. Sie sind jene, die gerne an den Geräten herumbasteln, möglichst frei damit herumspielen wollen und es gar nicht ertragen, wenn man ihnen zu strenge Vorschriften macht. All das tut das iPad.”
Jene, die gerne an elektronischen Geräten “herumbasteln”, hätten sich vom Osterhasen Feinmechanik-Werkzeug und Conrad-Gutscheine wünschen sollen.
Menschen, die ein Gerät verwenden(!) wollen, ihre Produktivität damit steigern, relativ günstige Spiele spielen, eBooks lesen (und schreiben) wollen, Medien, das Internet, konsumieren wollen, die sind mit dem iPad wahrscheinlich gut bedient.
“Medientheoretiker unterscheiden zwischen ‘Pull’- und ‘Push-Medien’. Push-Medien geben den Konsumenten sehr stark vor, welche Inhalte sie nutzen können. Der Fernseher liefert zB eine Auswahl an Programmen, der Konsument kann gerade noch den Kanal wählen und sich dann berieseln lassen. Ein klassisches Push-Medium also. Der Computer hingegen ist Pull: Sein Benutzer zieht sich selbst die Informationen aus dem Netz, er stellt sich sein eigenes Programm zusammen, kann sogar zum Programmierer, Regisseur oder Autor werden. Dann könnte sich nun ändern. Mit dem iPad wird der Computer zum Push-Medium degradiert.”
Es gibt genügend Apps, die das Erstellen(!) von Inhalten ermöglichen, und es werden immer mehr werden – dank kostenloser(!) Entwicklungsumgebung am Mac und vielen ambitionierten Entwicklern – Stichwort XCode.
“Realistisch betrachtet wird das vielen Konsumenten gefallen. Nicht jeder will selbst Anwendungen entwickeln oder zuhause arbeiten. Viele haben für diese Tätigkeit ohnedies schon genügend Geräte, warum nicht noch ein zusätzliches für die Freizeit, für die lange Zugfahrt oder den gemütlichen Abend am Sofa? Was dem einen an dem Ding gefällt, schreckt die anderen ab. iPad ja oder nein? Letzlich ist das eine Ideologiefrage. Die Antwort hängt davon ab, wie sehr man am Computer als kreativem Gerät festhält oder sich dem Konsum hingibt.”
Es wird sich noch zeigen, ob dieses negative, reisserische In-die-Ecke-stellen eines interessanten Produkts wirklich gerechtfertigt ist. Viele sind davon überzeugt, dass das iPad sowohl kreatives Gerät als auch Arbeitsgerät und “Multimedia-Tool” sein wird können, so auch ich. Man wird sehen.
Natürlich darf, soll, muss man nicht zu jedem (Apple-)Gadget Ja und Amen sagen, kaufen und leise sein. Aber wenn es eine Qualitätszeitung nicht schafft, meinungsbildende Technik(!)-Artikel von technisch versierten Autoren zu veröffentlichen, dann sollen sie es lieber gleich bleiben lassen oder zumindest dem Text, dem Inhalt, selbst mehr Platz bieten und alberne Grafiken aus dem Layout streichen. Dass der Artikel als “Kritik” kategorisiert ist, ändert an dieser Anforderung nichts finde ich.
Genauso glaubt ja zB derStandard auch wöchentlich zu wissen, was das “neue iPhone” (Bezeichnung wechselt da immer von iPhone HD zu iPhone 4G und umgekehrt…) können, wie es heißen und wann es veröffentlicht wird – ohne Angabe von Quellen natürlich, weil es, richtig: außer Online-Gerüchte-Blogs keine gibt!
Im Übrigen bin ich der Meinung, der Falter sollte sich weiter der Politik und Kultur widmen und über technische Themen keine ungenügend recherchierten Artikel veröffentlichen. Dafür gibt es Fach-Magazine – bald auch am iPad, ob es der Falter nun will oder nicht.
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1:0 für Manuel….super zusammengefasst!
Sehr gut argumentiert und formuliert, bravo!
Wir schlagen in die gleiche Kerbe, siehe http://www.matto.at/blog/archives/91-Waaah!-Das-Ipad!-Total-uninteressant!!!.html
wießer text auf schwarzem grund verursacht augenkrebs
also die Qual der Wahl: iPad oder weitere Krankenversicherung?